Summer Dreaming
Final Countdaown

Heute in einer Woche gehts zurück nach good old Germany - die Zeit rast und mein restliches Geld zerfließt mir zwischen den Händen, wie Butter in Dakars Sonne. 

Deswegen entschied ich mich heute, mir, bevor mein Kontostand der Null zu Nahe kommt, einen weiteren "Koffer" zu kaufen, um alles, wofür ich bisher mein Vermögen ausgegeben habe, auch mit nach Deutschland nehmen zu können.

Nach nicht sehr langem Überlegen wurde mir allerdings sehr schnell klar, dass einen Koffer kaufen hier bedeutet, ein altes, abgeranztes hohles Etwas aus Stoff zu erstehen, das irgendeiner armer Schlucker in Europa vor 15 Jahren gekauft und nun endlich weggeschmissen hat und das nun hier gelandet ist, wie scheinbar alles, was man in Europa irgendwie wegwirft.

Nun habe ich mir ein neues Transportmittel ausgedacht: Heute morgen habe ich einen riesigen Korb gekauft, in den ich alles stopfe und mich selbst auch noch dazu setzen kann, so groß ist er. 

Fragt sich nun nur noch, was ich damit in Deutschland mache - für mein Zimmer ist er einfach zu riesig, es sei denn, ich nutze ihn als Schlafkoje. Immerhin kostete er mich 10 Euro - genausoviel, wie ein Koffer hier gekostet hätte, nur, dass ich den auf jeden Fall weggeschmissen hätte. 

Auf meinem Weg zur arbeit erstand ich außerdem eine zweite Kleinigkeit, die ich heute morgen Khaliffa genannt habe: einen kleinen Baobab, der so winzig und süß ist, dass er den Flug wohl nicht überleben wird - vor allem, da ich ihn ja nicht im Handgepäck mitnehmen kann, da ich davon ausgehe, dass der Import von Pflanzen nach Europa relativ illegal ist. 

Nun fehlt mir eigentlich nicht mehr viel zu meinem afrikanischen Glück in Deutschland, außer ein Teeservice à la Sénégalaise und senegalesischer Tee, der, wie ich feststellen musste, aus China importiert wird. 

Außerdem sind ein paar Flaschen Fruchtsäfte ein absolutes Must-Have, auch, wenn ich noch nicht genau weiß, welche ich mitnehme und warum - eigentlich schmeckt mir persönlich nämlich keiner und höchstwahrscheinlich laufen sie in meinem schönen Korb aus und versauen meine Klamotten. Die Farben der Säfte sind blutrot, giftgrün, neonorange und laden nicht unbedingt zum Trinken ein

Hauptsache, ich übersteige die 46 Kilo Marke nicht.

13.2.09 16:04


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In der Uni

In neun Tagen fliege ich schon wieder nach Hause – eine Zahl, die man schon ausschreiben muss und nicht mehr nur als Ziffer hinstellen kann.
Und wenn ich auch von manchen Eigenarten der Senegalesen genervt bin – zum Beispiel davon, dass sie den Schnodder in ihrer Nase so laut hochziehen, dass einem als Zuhörer nur schlecht wird – fühle ich mich doch schon fast wie zu Hause.
Die nächsten Tage, die vollgestopft sind mit Einladungen zu allen möglichen Menschen, werde ich also noch einmal genießen, genauso wie die Sonne und den Strand, an dem ich heute Abend den Sonnenuntergang bewundern werde.

Gestern habe ich es schließlich endlich auch mal geschafft, der Einladung eines KAS-Stipendiaten zu folgen und ihn auf dem Unicampus in seinem Zimmerchen zu besuchen.
Die Uni hier ist riesig – aber vor allem überfüllt. Konstruiert für 15 000, sind zur Zeit 60 000 Studenten eingeschrieben, die Hörsäle sind so voll, dass die Leute teilweise nicht mehr reinpassen, in den Zweibettzimmern der Wohnheime schlafen sechs Personen – und immer mehr Abiturienten wollen sich einschreiben und können nicht – und stürmen deswegen die Veranstaltungen, an denen sie nicht teilnehmen dürfen. Immerhin ist das Gelände riesig – eine Stadt in der Stadt, mit Läden und Restaurants, Mensen, Wohnheimen, Hörsälen.
Da ich noch nichts gegessen hatte, schlug ich vor, doch mal einen Happen in der Mensa zu uns zu nehmen. Alle schauten mich schockiert an: das würde mein Magen sicher nicht vertragen und mein Geschmackssinn erst Recht nicht. ‚So schlimm kann es ja nicht sein’, meinte ich und dachte an unsere Mensa in Mannheim. Und schon stand ich in der Schlange für das einzige Menü, das zur Wahl stand: Couscous mit Fleischsauce auf einem alten Blechtablett, dazu ein Stück aufgeweichtes Baguette – was für ein Festmahl – wenn man gern Sand isst, denn genauso schmeckte der Couscous, und dazu auch gern einen Tropfen Chlor-Sauce mit Fettklumpen mag – so schmeckte die Sauce, die ganz offensichtlich zu 99% aus Leitungswasser und zu einem Prozent aus Fett bestand.
Nach wenigen Löffeln war ich „satt“, nachdem mir auf dem Weg nach draußen eine riesen Kakerlake über den Weg gelaufen war, auch restlos satt. 
Als ich nach Hause kam und meinem Haus-Philosophen, ein Mitglied der Familie, das scheinbar Literatur studiert hat und mich ständig vollphilosophiert, von meinen Eindrücken vom Campus erzählte, schien er ziemlich aufgebracht. ‚Wir sind ja auch kein Land wie Deutschland, sondern ein Dritte-Welt-Land, ist ja klar, dass das hier so aussieht’. Wieder eine Eigenschaft an den Senegalesen (oder Afrikanern?), von der ich genug habe: Für alles immer eine Entschuldigung zu haben.



11.2.09 14:20


Juste pour faire chier

Freitag abend ging es los, mit dem Schiff, in die Casamance, das angebliche Rebellengebiet. Mein Chef hatte mir netter Weise keine Kabine mit gemütlicher Koje, sondern einen Schlafsessel reserviert: damit ich nicht mit sieben oder acht Fremden zusammen schlafen müsse. Stattdessen schlief ich nun also gar nicht und verbrachte die Nacht mit etwa 40 Fremden in einem kleinen, engen Schlafsaal, rechts und links neben mir die Sitze belegt mit der Unmöglichkeit, sich irgendwie gemütlich auszustrecken.

Als einzige Weiße im ganzen Saal – die anderen an Board hatten selbstverständlich eine Kabine – wurde ich ziemlich schnell Mittelpunkt des Gesprächs, vor allem, als mein Sitznachbar seine Missionarsarbeit begann und versuchte, mich zum Islam zu bekehren.

Fast drei Stunden erklärte er mir die Vorzüge dieser wunderbar gewaltfreien und toleranten Religion. Warum ein Mann vier Frauen heiraten dürfe? Besser, er hat vier offizielle Frauen, als nur eine und daneben noch drei Geliebte. Warum der Mann denn nicht einfach einer Frau treu bleiben könne. Weil Gott das nun einmal so will. Dass ja jeder ankommen und einen Koran schreiben könnte und dass Mohammed ja auch einfach ein Verrückter sein könnte – er hätte ja schließlich keine Wunder o.ä. vollbracht, wie Jesus. Doch, Mohammed hat auch Wunder vollbracht – er hat schließlich den Koran geschrieben.

Argumente, die sich immer wieder im Kreis und um sich selbst drehen, nicht sehr überzeugend, aber mir verspricht der Koran ja auch keine vier Frauen. 

Nach etwa zehn Stunden Fahrt auf dem großen Teich bogen wir endlich in den Casamance Fluss ab und schon hatte sich die Quälerei gelohnt.

An Deck war ich die erste, die an der Reling stand und aufgeregt meinen Fotoapparat rauskramte: Delfine, so viele, schwammen, sprangen, quietschten im Flussdelta fröhlich umher und begleiteten munter unser Schiffchen bis in den Fluss hinein und bis sie schließlich abgelöst wurden, von Pelikanen und dem ein oder anderen über uns hinweg ziehenden Flamingo.

Auch die Landschaft war plötzlich eine ganz andere: riesen große Palmen, grüne endlose Flächen bis zum Horizont, Sandstrände und hier und da mal ein paar Hütten. Wieder ein neues, schönes Afrika, das ich in dieser Form bisher nur vermissen konnte.

Nach fünfzehn Stunden stiegen wir schließlich in Ziguinchor – der größten Stadt der Casamance - von Board und ratzfatz ins Auto – zu einem Seminar mit Koranschullehrern waren wir schon viel zu spät dran und wir hatten noch etwa 100km vor uns, die uns über von Militär bewachten Straßen durch dichte Palmenwälder führten – tatsächlich, ganze Wälder nur aus riesen großen Palmen.

Rebellen trafen wir natürlich keine, die Soldaten, die schwer bewaffnet an den ratzekahl geschorenen Wegrändern postierten wären mir als Rebell auch zu gruselig gewesen. Nach etwa zwei Stunden kamen wir in Sédhiou, der Hauptstadt der gleichnamigen Region, an und betraten mal wieder das Paradies.

Unser Hotel bestand aus kleinen Hütten in einem der Palmenwälder und lag direkt am Fluß. So viel Ruhe kann man sich im Traum nicht vorstellen, auch wenn diese am frühen Morgen durch ein Scharren vor meiner Tür gestört wurde. Mutig und leichtfüßig, wie man mich kennt, bin ich, mal wieder ziemlich genervt, aus dem Bett gehopst und öffnete einen Spalt breit mein Fenster, um zu sehen, wer denn die Dreistigkeit besitzt, morgens um 7h vor meiner Haustür zu kehren.

Leider konnte ich niemanden zur Schnecke machen denn: es waren zwei Geier, die vor meiner Tür auf und abliefen. Wo hat man so was schon gesehen?

Unser Seminar schließlich war… interessant und komplex, viel zu komplex, um hier in Kürze darüber zu berichten- auch wenn es einen Bericht wert wäre. 

Am Sonntag Nachmittag machten wir uns schon wieder auf ins nahegelegene Kolda, Hauptstadt der gleichnamigen Region, wo uns das Hotel wieder wie ein Paradies vorkam – und mir die Armut dadurch noch unerträglicher.

Betrat man das Hotelgelände, hatte man einen Pool und eine Bar, in dem Moment, in dem wir auch nur die Grundstücksgrenze überquerten, waren wir zurück in der Realität: die Stadt noch heruntergekommener, als Dakar und alles sonstige, der Fluss mit Müll verstopft, Kinder ohne Schuhe und mit vor rotztriefender Nase, bettelnde Krüppel, stinkende Abfall-Feuer und Abwasser, das knöcheltief die Straße überflutet – Dinge, die man einfach nicht sehen will und die einen nur wütend machen, wütend, auf das ganze Land, das nur zusieht, wie die Leute dahinsiechen in ihrem eigenen Abwasser – jeder scheint nur auf die Toubabs – die Weißen – zu warten, deren Aufgabe es schließlich ist, für all diese Probleme Lösungen zu finden. Warum selbst aktiv werden, wenn’s andere sind? Und solange leben wir eben in unserem eigenen Dreck.

Das Seminar in Kolda war schließlich nicht halb so interessant, wie das in Sédhiou, wohl aber sinnvoller. Thema war Wählersensibilisierung – und mein Chef aß zum ersten Mal ganz senegalesisch von einem großen Tablett. Und: Am Ende des Seminars wie immer das noch Warten der Teilnehmer auf den Fahrtkostenzuschuss oder den Teilnehmerbeitrag oder sonst irgendeine Geldspritze – schließlich mussten sie ja alle aktiv werden, um an diesem Seminar teilzunehmen, harte Arbeit, sich an einen Tisch zu setzen und einfach mal ein oder zwei Stunden zuzuhören und zu diskutieren – nichts, was sie sonst nicht auch tun würden, von morgens bis abends, rumsitzen und diskutieren, aber bloß nicht aufstehen und was unternehmen.

Die Mentalität spiegelt sich im Zustand des Landes wieder.

Trotzdem, auch dieses Seminar ging zu Ende und wir brachen auf, zurück nach Ziguinchor, Hauptstadt der gleichnamigen Region, ins nächste kleine Hotelparadies. Doch auch die Stadt war irgendwie anders, als die Städte, die ich hier sonst gesehen habe – es war grüner, die Leute waren freundlicher, es gab weniger Bettler, weniger Verkehr und Abgase, alles ruhiger und noch langsamer, als sonst, aber angenehm langsam. Urlaub pur. 

Die letzten Tage dümpelten also so dahin mit verschiedenen Gesprächen, Treffen, Unterhaltungen mit wichtigen und weniger wichtigen Leuten und schon saß ich wieder in meinem Schlafsessel auf dem Schiff, aurevoir Paradies, bonjour tristesse, oder auch Seekrankheit pur. Der Rückweg war unglaublich abenteurlich und schaukelte mich so durch wie noch nie. Nach zwei Stunden auf dem Meer konnte ich nur noch auf einer Bank an Deck liegen und auf den Tod warten.

Nach einiger Zeit kam tatsächlich jemand – ein Security-Mensch erklärte mir, ich könne dort nicht schlafen. Warum nicht? Weil es nicht geht. Ich also rein, schon tränenüberflutet und gerade so schaffte ich es noch, mich in eine kleine Ecke zu kauern – aus der ich nach 20 Minuten wieder vertrieben wurde. Ich könnte da nicht liegen Warum nicht? Weil es nicht geht. Ich sollte mich aber in die boardeigene „Moschee“ legen.

Ich also wankend und heulend dorthin – ich war nicht die erste, die im Gotteshaus Zuflucht suchte. Auch von hier wurden wir schließlich wieder vertrieben. Wir könnten da nicht rumlungern. Warum nicht? Weil es nicht geht.

Ein Klugscheißer von Franzose, der auf dem Weg zu seiner kuscheligen Kabine vorbeikam erklärte mir, ich sei in de rMoschee gelandet, hier würden die Leute beten, hier könnte ich nicht liegen. Ich hätte ihn am liebsten geschlagen, genauso wie den Security-Menschen. Die vermeintlichen Autoritäten gibt es hier scheinbar nur, um andere zu schikanieren.


6.2.09 20:31


Straßenverkäufer


Seit einigen Tagen fällt mir immer wieder auf, dass meine contraeuphorische Stimmung was den Müll, den Dreck, die Armut, die Korruption und alles andere ändernswerte betrifft, mehr und mehr abflaut.
Nach nur fünf Wochen habe ich mich an die kleinen Kakerlaken, die über abends vor dem Essen über meine Gabel laufen, an die tote Ratte, die seit zehn Tagen vor unserer Haustür liegt und die Flöhe der Wachhunde der Stiftung gewöhnt, die Bettelkinder gehören zum Stadtbild wie der chaotische Verkehr, durch den man heil zum Ziel kommt, wenn man zwischendurch ein paar Euro „Weggeld“ an Polizisten und Gendarmen zahlt.
Nur eine Kleinigkeit schockiert mich wirklich jeden Tag wieder:
Das, was ich zur Zeit als den wohl gefährlichsten, demütigensten und sinnlosesten Job bezeichnen würde, sind die fliegenden Verkäufer auf den Straßen in der Innenstadt und am Stadtausgang.
Das Ganze Prozedere läuft ein bisschen ab wie beim McDrive: Man hält, schaut, was es gibt (meist sind es Bananen, Mandarinen oder gezuckerte Erdnüsse), sucht sich was aus, gibt das Geld, erhält sein Essen und fährt weiter. Bananenverkäufer machen wahrscheinlich vor allem im Stau gutes Geld, denn da bekommt man schnell mal Hunger - oder auch Durst auf „crème“, gefrorenen selbstgepressten Saft vom Baobabbaum oder mit Kokosmilch und Rosinen, ist zumindest für mich eine gerngesehene Erfrischung, die mein Magen inzwischen auch verträgt.
Dies sind die „nützlichen“ Dinge, die man auf der Straße kaufen kann. Man kann sich kaum vorstellen, was noch für Dinge im Angebot stehen, Sachen, die man nicht mal im Traum auf dem Weg zur Arbeit oder sonst wohin kaufen würde.
Vor einer Woche, als ich im Taxi saß, wollte mir ein Mann tatsächlich eine etwa einsfünfzig mal zwei Meter große Standuhr andrehen. Gestern sah ich einen, der einen Kühlschrank auf seinem Fahrrad herumfuhr und ein großes „A VENDRE“ Schild auf seinem T-shirt kleben hatte. Bleibt die Frage, ob er sein Fahrrad, seinen Kühlschrank oder sich selbst zum Verkauf angeboten hat…
Wer Zivilisationsscheu ist, muss sich also nur in sein Auto setzen und bekommt alles, aber auch ALLES, vors Fenster getragen, vom Autositzbezug über Fahrradhelme bis hin zu Rotweingläsern und toten, an den Füßen zusammengebundenen Hühnern – von Abgasen geräuchert. Bon appetit, sage ich da nur.
Jedes Mal, wenn ich vorbeifahre, denke ich mir, dass diese Leute doch wirklich arm dran sind: Wie viele Stunden muss so ein Kleenex-Verkäufer wohl am Straßenrand warten, bis mal jemand was kauft von seinen halbverrußten Taschentüchern?
Und leider muss man die armen Gestalten komplett ignorieren, selbst wenn sie ihre Nase ans Autofenster kleben: Einmal hingeschaut ist halb gekauft und in manchen Fällen laufen die Verkäufer dem Auto über hunderte Meter mit all ihren Klamotten hinter her (ja, auch wenn es ein Kühlschrank ist), um dann festzustellen, dass sie wieder nichts loswerden.
Umso gruseliger, dass ich es mir gerade mit meinem Laptop und einem Tee unter den Magobäumen im Garten gemütlich gemacht habe und lediglich über einen Frosch im Hals klagen kann – der mit großer Wahrscheinlichkeit von den Abgasen genährt wird. Ich will nicht die Lunge der armen Straßenverkäufer sehen. 

29.1.09 16:53


L'île des esclaves

Ja, das Wochenende bringt mal wieder schreibenswerte Neuigkeiten.

Nachdem ich meinen Samstagvormittag auf dem Markt verbracht habe und etwa 50 Euro ausgegeben habe - was hier ziemlich schwer ist - war ich abends zu einer "Party" eingeladen.

Vera, eine Praktikantin beim Wetterdienst, mit der ich mich am Samstag zum ersten Mal getroffen habe, pflegt nämlich Kontakte zu so gut wie jedem Ausländer in Dakar. Zwei von ihnen sind gestern zurück nach good old Europe geflogen und wollten es Samstagabend nochmal krachen lassen.

Schade nur, dass ich aus dem Partyalter raus bin. 

Ich schlug Vera also vor, dass ich mit ihr vorher gern noch was trinken geh, aber auf die Party nicht mitkomme. Gesagt getan und zufällig war sie bei ihrem guten bekannten Ibo, der ein Café Touba führt und damit "sehr viel Geld macht", eingeladen.

Außenweltler wie ich bin wissen natürlich nicht, was ein Café Touba ist und so erwartete ich ein nettes Café oder zumindest einen Raum mit Stühlen und Tischen. 

Tatsächlich handelte es sich um einen blau angestrichenen Metallkasten, in dem maximal zwei Personen Platz haben - ein Straßenstand, der angeblich eine Goldmine sein soll. 

Ich fühlte mich jedenfalls wie damals mit 14, als man noch kein eigenes Heim hatte und deswegen auf der Straße, auf dem Spielplatz oder sonst wo saß und sich mit Freunden die Zeit vertrieb. Und ich hatte Samstagabende VIELE neue Freunde, die mich alle unglaublich gern in Deutschland besuchen kommen wollten.

"Deutschland ist gar nicht so toll, darum bin ich ja jetzt im Senegal", meinte ich irgendwann nur noch, weil ich Angst hatte, für eine Einwandererwelle aus dem Senegal verantwortlich gemacht zu werden. 

Gegen 23h bin ich dann schnell wiedr nach Hause und hatte, so ganz allein im Taxi, ziemlich Angst, überfallen und ausgeraubt zu werden.

Ich lag dann aber dann relativ schnell im Bettchen - am Sonntag musste ich früh aufstehen, zur Stiftung fahren, meine Hausarbeit schreiben und dann schnell zum Bootsanleger für die Ile de Gorée, die Insel der Sklaven, mal wieder Weltkulturerbe  und ein Muss auf meinem Kulturspeiseplan.

Da ich eigentlich Fatou, meiner Gastschwester, versprochen hatte, mit ihr auf die Insel zu fahren, musste das ganze natürlich inkognito passieren.

Sicher hätte ich Fatou auch einfach mitnehmen können, aber nachdem ich herausgefunden hatte, dass sie schon einmal dortgewesen ist, nämlich mit meiner Vorgängerpraktikantin, die ihr den ganzen Ausflug gezahlt hatte, und ich die Preise für die Überfahrt entdeckt hatte, entschied ich mich ganz schnell gegen die gute. Geiz ist geil.

Ganze fünfzehn Euro kostete mich die Fahrt und der Aufenthalt auf der Insel inklusive Museen, Kurtaxen und was man als Tourist noch so bezahlen muss. Abzocke vom feinsten und bis gestern wusste ich gar nicht, dass in Dakar so viele Weiße leben - aber klar, die sieht man ja auch nicht, sind ja alle auf dem Boot, das einen zur Insel rüberschippert.

Die Insel jedenfalls ist klein aber richtig fein und vollgebaut bis in die hintersten Winkel und ein Anblick wie St. Tropez: bunte Kolonialbauten, grüne Bäume, ruhige Straßen, einfach wunderschön und fast vergisst man, was sich grauenvolles auf ihr abgespielt hat.

Bis zum Jahr 1848 wurden von hier aus die Sklaven nach Amerika verschifft. Dokumentiert wird dies vor allem im Maison des Esclaves, im Sklavenhaus, das die Sklaven vor ihrer "Abreise" passieren mussten und indem sie in kleinen Verließen auf die Schiffe warten mussten, in denen sie auf dem Meer zum Großteil dahinsiechten.

So schrecklich diese Geschichte auch ist, sich in die richtige Stimmung zu versetzen, ist im Sklavenhaus fast unmöglich - es ist die einzig wirkliche Sehenswürdigkeit des Senegals und wirklich weltbekannt.

Am bekanntesten ist wohl la porte sans retour, die Tür ohne Wiederkehr, die gegenüber vom Eingang des Hauses durch einen dunklen Gang hinaus aufs Meer zeigt - bevor die Sklaven im Bauch der Schiffe verschwanden, durften sie noch ein letztes Mal so weit schauen, wie das Auge reicht, bis zum Horizont. Man sagt, dass keiner der Sklaven, der durch diese Tür getreten wurde, jeh wieder zurückgekommen ist.

Ich habe also gelernt, dass über 11 Millionen Sklaven insgesamt verschifft worden sind und weitere zig Millionen umgebracht wurden. Ich frage mich, warum eigentlich nur die Deutschen einen so schlechten Ruf im Ausland haben...

 

26.1.09 21:18


Nichts neues

Warum auch immer - seit meiner Rückkehr gibt es nichts neues.

Ich sitze hier in der Stiftung und erledige mal hier und mal da ein paar Aufgaben, auch, wenn ich zugeben muss, die größeren in die nahe Zukunft verlegt zu haben, da ich teilweise noch nicht genau weiß, was ich davon halten soll.

Gestern bekam ich zum Beispiel die Aufgabe, mir ein Programm für eines der Stipendiatentreffen zum Thema 'Elitenbildung und ihr Beitrag zur Demokratisierung' "auszudenken". Zunächst einmal habe ich schon allein was deutsche Eliten anbelangt keine Ahnung - von senegalesischer Elite habe ich noch nicht mal was gehört. Gibt es so etwas überhaupt hier? 

Das heißt, eine Aufgabe, die einen der Mitarbeiter hier vielleicht eine Stunde Aufwand kosten würde, kostet mich etwa drei Tage Recherche: Ich habe keine Ahnung, was in so ein Seminar reingehört, keine Ahnung von diesem Land, keine Ahnung, was ich machen muss und kann: "Zeigen Sie uns einfach, was Sie können", meinte der Chef. 

Morgen findet mal wieder ein Seminar statt - wofür ich ein kurzes Grußwort verfassen soll. Ich habe keine Ahnung, was das für ein Seminar ist, was da für Leute sitzen, worum es geht, was überhaupt in ein Grußwort reingehört - dafür aber das dumpfe Gefühl, dass der Herr Auslandsreferent es selbst nicht weiß und die Aufgabe deshalb auf mich abgewälzt hat.

Überhaupt finde ich ihn reichlich pessimistisch: Unser Seminar "Frauen an die Urnen" findet er jedenfalls langweilig. Es sei schließlich nicht die Aufgabe der KAS, Leute, die noch nicht mal lesen und schreiben können, über ihre Rechte zu unterrichten. Und überhaupt, als ob es was bringen würde und die Frauen nicht sowieso nach Hause kommen und alles seinen alten Gang geht.

Mit letzterem hat er wahrscheinlich Recht. Vorgestern rief ein Mann von einer der Frauen an, die am Wochenende in Dindefelo am Seminar teilgenommen haben.

Wieso seine Frau denn nur so wenig Geld dafür bekommen habe, fragte er. Eigentlich wollte er wissen, warum ER nur so wenig Geld dafür bekommen habe, dass er seine Frau hat dorthin gehen lassen. Ute sagte ihm, dass die Frauen eigentlich gar kein Geld von uns bekommen würden, das ganze sei schließlich freiwillig. 

Kurz gesagt: Obwohl die Frau keinen Cent von uns bekommen hat, hat sie ihrem Mann Geld mitgebracht, damit der sie vielleicht auch in Zukunft zu solchen oder ähnlichen Seminaren gehen lässt.

An Geld mangelt es hier ja jedem. Gestern kam ein senegalesischer Stipendiat der Stiftung vorbei und beschwerte sich über die Kürzung der monatlichen Stipendiumsgelder. Statt über 200 Euro erhalten die Stipendiaten nun nur noch etwa 140 Euro - für die Verhältnisse hier trotzdem eine Traumsumme. Plötzlich klingelte sein Telefon. Der Herr Stipendiat nahm ab und erklärte seinem Gesprächspartner, dass er gerade in einem Gespräch sei, er aber gern auch einen Platz im Restaurant reserviert bekommen hätte und gleich mit dem Taxi kommen würde. Bei so einem Lebensstil ist es natürlich kein Wunder, dass eine Kürzung der Gelder ungelegen kommt.

Gestern abend hatte ich mal wieder Besuch von Malick, dem Journalisten aus meiner Gastfamilie, dem ich auch die Miete gebe. Vor meiner Ankunft sagte man mir, dass mein Zimmer 250 Euro kosten würde. Unglaublich teuer.

Ich fragte also nochmal nach der genauen Miete. Ob ich denn ein Stipendium hätte, fragte er. Nein, meinte ich ganz geknickt, ein zur Zeit sehr wunder Punkt bei mir. Na gut, sagte er dann freundschaftlich, dann gibst du mir nur 150 Euro Miete. Ja, auch als Nichtstipendiat hat man manchmal Vorteile.

22.1.09 14:14


Und dann kam Afrika


Mein Wecker am Donnerstag klingelte um 5h und als der Tag anfing, hatte er bereits gute Voraussetzungen, zum schrecklichsten meines Aufenthalts hier zu zählen: Ich wachte auf aber konnte meine Augen nicht öffnen. Zumindest das Linke nicht, denn offenbar war eine Mücke in der Nacht darauf gelandet, war einmal drumherum marschiert und hatte mich ganze vier Mal gestochen. Mein Auge war so geschwollen, dass ich unübertriebener Weise aussah, wie Quasimodo und ich schämte mich für mein Aussehen wie nie zuvor. 

Um Punkt 6h stand Yaliffa, unser Chauffeur vor der Tür. Wie ich bereits erwähnt hatte, ging es übers Wochenende nach Kedougou, die am östlichsten gelegene Region des Senegals, etwa 600km von Dakar. Ute hatte mir schon gesagt, dass die Straße in einem schlechten Zustand sei. Ich stellte mir also ein paar Schlaglöcher oder Kurven vor und machte mich auf eine anstrengende Fahrt gefasst.

Was dann jedoch kam, übertraf alles, was ich mir jeh unter einer schlechten Straße vorstellen konnte, denn immerhin denkt man dabei noch an eine Straße. Der Weg, der in unser verschlafenes Städtchen führen sollte jedoch, hatte mit diesem Begriff nur noch wenig zu tun.
Es war ein Alptraum. Wir fuhren und fuhren und fuhren und konnten nur warten und hoffen, dass die Straße bald besser wird. Anfangs dachte ich, ich könnte die Fahrt wenigstens für ein paar Überlegungen nutzen, ein bisschen über dies und jenes nachdenken, mir eine leckere Linsensuppe vorstellen, nichts besonderes. Nach drei Stunden fühlte sich mein Kopf an, als würde mein Gehirn darin hin und hergeworfen werden – genauso wie meine Gedanken, die sich nach der Zeit nur noch wiederholten, wie ein ewiger Ohrwurm, der nicht aufhören wollte und den ich mir am liebsten aus dem Kopf gerissen hätte. Mein geschwollenes Auge schien selbstständig bei jedem Ruckeln zu hüpfen und tat noch mehr weh, mein rechtes „gesundes“ Auge begann zu schielen – übrigens einer der schrecklichen Ohrwürmer in meinem Kopf: ‚un oeil dit zut! à l’autre’ , ein Auge beschimpft das andere, schielen auf französisch, ein Begriff, der bizarrer Weise in meinem Kopf herumwirbelte über Stunden, so wie der Windows Bildschirmschoner, bei dem die Zeitangabe über den Bildschirm saust und an jeder Kante wieder abprallt. 
Es war so schlimm, dass wir nach einigen Stunden halten mussten – wir mussten uns übergeben. Trotzdem – wir mussten weiter, der Weg zurück war inzwischen länger, als der Weg nach vorn, also weiter. Es war wie Achterbahnfahren – nur, dass es nicht aufhörte.
Die ganze Fahrt über dachte ich wirklich, ich würde verrückt werden, mir war wie 40 Grad Fieber und mir war alles, aber auch alles egal. Ein platter Reifen? Umso besser, dann stehen wir wenigstens endlich. Nur kein Unfall, denn der Krankenwagen, wenn es denn überhaupt einen gab, müsste dieselbe Straße nehmen und das überlebt kein Verletzter. Ein Bett, nur ein Bett wollte ich, ganz egal wo und mit welchen Läusen, Flöhen und Krankheiten, ganz egal, hauptsache liegen, nichts mehr bewegen, vielleicht auch sterben. Hauptsache Schluss.
Irgendwann, nach 450km und 10 Stunden Autofahrt, wurde die Straße besser. Wir fuhren durch Tambacounda - und dann kam Afrika, so schön, so plötzlich, dass ich die Paviane, die in einiger Entfernung auf der Straße saßen, zunächst für Hunde oder Ziegen hielt und den dichten, grünen Wald um mich herum kaum bemerkte: Wir fuhren durch Nationalpark Niokolo-Koba, Weltkulturerbe der UNESCO, Natur pur und ein Afrika, so wie man es sich vorstellen möchte - die Paviane waren nur die ersten Vorboten. Wir fuhren an Dörfern aus runden Lehmhütten mit Strohdächern vorbei, überquerten den mit Nilpferden bevölkerten Gambia-Fluss und bremsten scharf, als plötzlich ein Schakal die gut geteerte Straße überquerte. Schakal von rechts nach links – Glück bringts. Warzenschweine, Schimpansen, Perlhühner, Geier und Papageien, wie im Traum, aber als wäre alles ganz normal.
Und es ging weiter, in Kedougou-Stadt, von der Straße ab in den dunklen Busch, wo nichts mehr zu sehen war, außer die Scheinwerfer unseres Jeeps. Die letzten 20km raubten uns noch mal die letzten Kräfte: zwei Stunden brauchten wir, bis wir in unserem „Camp“ angekommen waren, ein kleines Dorf aus Lehmhütten – genauso, wie ich sie schon auf der Fahrt durch den Nationalpark bewundert hatte. Von außen spartanisch, waren zumindest unsere Hütten von innen recht luxuriös, mit einem richtigen Bett und Moskitonetz, was mein „gesundes“ Auge ganz besonders zu schätzen wusste. Nur eine Dusche gab es nicht – man brachte uns diesig-graues Brunnenwasser, von dem man eher schmutzig, als sauber wurde. Die wunderschöne Landschaft um mich herum entdeckte ich erst am Morgen darauf: das Dorf lag in einem Tal von riesigen Felsen, nicht weit von einem Wasserfall und inmitten von Palmen, Büschen, Bäumen. 
Die zwei Tage im Dorf Dindefelo verbrachten wir schließlich mit den Frauen, die am Seminar „Frauen an die Urnen“ teilnahmen, Senegalesinnen, die so schaurige Geschichte erzählten, dass ich fast einer Feministenbewegung beigetreten wäre. Es ist unglaublich, wie die Frauen hier scheinbar behandelt werden, sie können nicht lesen, nicht schreiben, werden geschlagen und putzen, kochen und machen für eine riesen Großfamilie – ohne Dank. Das Seminar – wahrscheinlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, auch wenn viele während der Diskussion sichtbar selbstbewusster wurden und jede der Frauen soweit teilnahm wie sie konnte – wenn sie nicht gerade eines der Kinder stillen musste, das sie mitgebracht hat. Trotzdem: Welche der Frauen ist nach dem Wochenende wohl nach Hause gegangen, um ihrem Mann mal so richtig die Meinung zu sagen? 
Am Samstag Nachmittag hieß es schließlich Abschied nehmen, zurück, durch den Wald und über den schrecklichen Waldweg, auf dem uns um die Uhrzeit immer mehr Lastwagen und sogar Car Rapides entgegen kamen. Die armen Menschen, die dadrin saßen!
Unsere letzte Nacht in Kedougou-Stadt verbrachten wir in einem wunderschönen Hotel am Gambia-Fluss. Wieder waren wir in Hütten untergebracht – diese aber wirklich luxuriös und für Touristen ausgestattet. Am nächsten Morgen ging es erst um 7:30h los, weg aus dem schönen Afrika und mit einem Schlag wieder in die Realität.
In Tambacounda hielten wir vor dem Gefängnis – Ute hatte ihre Kontakte spielen lassen, um einen inhaftierten Studenten, den sie über die Stiftung kannte, zu besuchen – ein politischer Gefangener. Vor einigen Wochen wurde er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt – er soll eine Demonstration angezettelt haben, bei der unter anderem das Polizeigebäude von Tambacounda gestürmt wurde. Man ertappte ihn „frischer Tat“ zu Hause, beim Abendessen. Am Tag der Demo war er nicht mal in der Stadt gewesen, mit dem Ausarten der Demo hatte er schon gar nichts zu tun. Die Studenten hatten ein „Sit-in“ geplant, um gegen die Studiengebühren zu demonstrieren – außer Kontrolle geriet die Situation erst, als andere aus der Stadt davon erfuhren und mit Schlagstöcken und Molotowcocktails kamen und die Studenten „tatkräftig“ unterstützten. 
Die Regierung hat nun „hart eingegriffen“ und die angeblichen ideologischen Führer eingebuchtet. In dem Gefängnis sitzen mehr als 400 Gefangene – sie teilen sich zwei Toiletten und schlafen auf dem Steinboden Schulter an Schulter. 
Scheinbar ist das Afrika – ein Wechseln von Traum in Alptraum innerhalb weniger Minuten, buntes und schwarzes Afrika.



19.1.09 17:32


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