Summer Dreaming
Reden ist silber


Am Montag war endlich mein erster richtiger Arbeitstag.

Seitdem habe ich eigentlich nichts gemacht, auch wenn ich nicht behaupten kann, ich haette mich gelangweilt. Nur herumgesessen habe ich allerdings - in stundenlangen Konferenzen bei der KAS, der deutschen Botschaft,  der Europaeischen Kommission.

Ganz schoen cool, koennte man denken, aber ich finde es eher deprimierend, 8 Stunden pro Tag nur zuHOEREN zu muessen. Schweigen ist Gold. "Praesent sein" sollte ich und das war ich - zumindest koerperlich.

Ab morgen wird es allerdings "aufregend". Wir verlassen Dakar und Thiès und reisen nach Kedougou, good old Kedougou, wo es nichts gibt, ausser Bananenverkaeuferinnen und Pferdekarrentaxis. Tiefstes Afrika. So tief, dass nicht einmal eine Strasse in dieses Nest fuehrt, die wir vorhaben zu nehmen. 

Vor uns liegen also 12 Stunden Buckelpiste, schwitzen, Staub, eng aneinander gequetscht sitzen und Langeweile haben, denn bei einer solchen Fahrt kann man nichts machen ausser hoffen, dass es bald vorbei ist.

Meine erste "Dienstreise" hat allerdings auch einen wirklichen Grund, denn wir haben vor, Waehler zu sensibilisieren, vor allem Frauen, die nicht wissen, dass sie Wahlrecht haben - aktives und passives.

Die Hoffnung, dieses Mal reden zu koennen, ist allerdings auch nicht besonders gross: keine der FRauen in dieser Gegend spricht auch nur annaehernd eine Sprache, die ich verstehe.

14.1.09 23:50


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"Wenn sie kein Brot haben...

...sollen sie eben Kuchen essen", soll einst die kluge Marie Antoinnette ueber die hungernden Franzosen gesagt haben.

Bisher konnte ich mir ja nicht vorstellen, dass dies tatsaechlich ein halbwegs gebildeter Mensch von sich geben konnte, bis gestern, denn ich ertappte mich, wie ich selbst aehnliches dachte.

Ganz Dakar ist entruestest, denn: es gibt kein Brot mehr! Nachdem innerhalb des letzten Jahres alle Preise, unter anderem der fuer Brot, drastisch gestiegen sind, erklaerte die Regierung einen Preisnachlass auf das teure Weissbrot, dass man hier zu so ziemlich jeder Mahlzeit isst.

Der Brotpreis wurde also gesenkt und alle backten und kauften ihre Baguettes, bis sich nun herausstellte, dass der Mehlpreis nicht sinken wuerde, sondern steigen und die Baecker somit das Brot zu einem Preis verkaufen mussten, der nicht mal die Kosten fuer das Mehl deckte.

Deshalb gibt es seit gestern in der ganzen Stadt kein Brot mehr und eine halbe Stunde der Abendnachrichten wurde auf diesen schlimmen Zustand verwand, wobei auch die Bevoelkerung zu Wort kommen durfte: "Wir koennen nicht mehr fruehstuecken!" schrien die meisten ins Mikro.

Haeh, dachte ich, wenn es kein Brot gibt, dann muss man eben Muesli essen. Typisch europaeich, denn natuerlich gibt es hier kein Muesli und selbst wenn, womit sollte man es essen? Milch wird ohne Kuehlschrank bei solchen Temperaturen innerhalb weniger Stunden schlecht.

Tatsaechlich finde ich aber die Aufregung uebertieben. Es ist ja nicht so, als wuerden jetzt sofort alle verhungern, nur, weil es kein Brot gibt. Da waere ein Reis-Streik doch sehr viel schlimmer, denn der ist wirklich die Basis jeden Essens.

Ich begnuegte mich heute morgen also tatsaechlich mit Kuchen statt Brot, denn der wird - warum auch immer - noch gebacken. Dass trockene Baguette schmeckt mir ohnehin nicht wirklich und ich wuerge ich jedes Mal mehr oder weniger runter - ganz ohne alles, da die Butter nicht so aussieht, als waere sie noch essbar.

Das zweite Highlight in den Nachrichten gestern war uebrigens der Besuch der First Lady in einem Kinderkrankenhaus. Was ich zwar schon gehoert hatte, nun aber mit eignene Augen gesehen habe ist, dass die Frau Wade weiss und Franzoesin ist, was mich, umso laenger ich darueber nachdenke, meher und mehr wundert.

Der gute Herr Wade, Président de la République Sénégalaise, ist naemlich gar nicht so ein guter Herr, sondern versucht mehr und mehr, Demokratie und freie Marktwirtschaft zu untergraben. Zur Zeit versucht er, seinen Sohn als Nachfolger zu etablieren - ganz ohne Wahlen versteht sich. Ein Thema, zudem der Onkel meiner senegalesischen Gastfamilie einen Artikel in einer bekannten Tageszeitung geschrieben hat - unter falschem Namen natuerlich, da das ganze sonst zu gefaehrlich werden koennte.

Komisch, dass eine Franzoesin, deren Vaterland ja quasi das Mutterland von égalité, fraternité und liberté ist, ihrem Mann nicht mal gehoerig die Meinung sagt. Ich denke nur daran, wie ich meinem "Verlobten" die Ohren lang ziehen wuerde, wenn der sich ploetzlich zum Diktator aufschwingen wuerde. Tze.

Tja, mit Senegal scheint es bergab zu gehen, zumindest ist es das, was mir hier alle halbwegs vernuenftig aussehenden Menschen erzaehlen. Umso wichtiger also, noch schnell die besten Sehenswuerdigkeiten des Landes zu erkunden.

Heute geht es zur Ile de Ngor, eine Insel, die etwa 1km vor Dakar liegt mit Strand und Meer und Sonne und Braunwerden. Wie viel Grad sind noch mal in Deutschland?

11.1.09 13:43


Krank

Eigentlich solte der gestrige Tag schoen werden, denn ich hatte ein Stadterkundungsdate mit einer anderen deutschen Praktikantin.

Eine halbe Stunde liess sie mich warten, in der ich die Bekanntschaft eines Marokkaners machte, der nicht aufhoerte, mich zuzubrezeln. Leute, ist es hier denn nicht EINMAL moeglich, gemuetlich am Strassenrand zu sitzen oder zu stehen, ohne, dass einen die Leute volllabern?

Als Usha, so der Name der Praktikantin und neuen Freundin, schliesslich kam, entschieden wir uns, noch einmal zum Markt zu gehen, der gestern, auf Grund des muslimischen Neujahrsfests und Feiertags, relativ ruhig war.

Alles begann wie gesagt ganz schoen: wir bummelten und setzten uns schliesslich in ein nettes Café. Hier vermute ich den Uebeltaeter, denn knapp eine halbe Stunde spaeter wurde mir ploetzlich fuer einige Minuten ganz komisch.

NAch wenigen Minuten war der Spuk aber schon wieder vorbei und Usha und ich bestiegen ein Taxi, dass uns in ein abgeleneres Viertel von Dakar brachte, wo Usha zu einer Theaterprobe eingeladen war und ich mitdurfte.

Die Theaterprobe fand in einem Innenhof einer Grundschule statt und als ich so auf meiner Bank in der warmen Sonne sass, ueberkam es mich ploetzlich wieder, eine Uebelkeit und das Beduerfnis mich hinzulegen und mich nicht mehr bewegen zu muessen.

Ich entschied mich also den Nachhause Weg anzutreten, der gefuehlte 100 Jahre dauerte, da der Taxifahrer ungelogen SIEBEN MAL mit seinem Handy telefonieren musste und zu diesem Zweck jedes Mal anhielt - wenigstens etwas.

Zuhause angekommen legte ich mich mit den dreckigsten Fuessen, die man sich vorstellen kann, in mein Bettchen - mir war alles scheissegal. Etwa zwei Stunden vegetierte ich vor mich hin und konnte mich nicht mehr bewegen, so schlecht und schwindelig war mir.

Irgendwann musste ich aber doch aufs Klo und stand auf - und spuerte sofort, wie mein Mageninhalt - zwei Mandarinen, ein Saft und Erdnuesse - mir hochSCHOSSEN.

Zum Glueck war ich noch rechtzeitig auf dem Klo, denn niemand haette sonst einen Eimer gehabt, der gross genug gewesen waere, mein ganzes Erbrochenes aufzuwischen. Wie im Film brach es fuer bestimmt zwei oder drei Sekunden in einem Strahl aus mir heraus, den ich vorher noch nie gesehen hatte und schliesslich noch ein zweites Mal, bis ich mich wieder ins Bett traute und es mir tatsaechlich besser ging.

Ich nahm also meinen Laptop und einen Film und dachte, ich wuerde beim Gucken einschlafen. Leider Fehlanzeige, denn ploetzlich wurde mir heiss und kalt und ich konnte fast mit ansehen, wie ich Fieber bekam.

Noch eine halbe Stunde vegetierte ich vor mich hin und ging schliesslich zur Familie - die mir sagte, ich haette mich wahrscheinlich von der Kaelte erkaeltet. Aeeehm, jaaa, klar.

Immerhin kuemmerten sie sich gut um mich, tupften meine Stirn ab, kauften mir Wasser und halfen mir, eine Tablette zu finden - die ich schluckte und sofort wieder auskotzte.

Auch die zweite Tablette wollte nicht so ganz in mir bleiben - aber ich habs ja und so nahm ich schon unter Traenen noch eine dritte, die dieses Mal auch nicht wieder rauskam - weder oben, noch unten.

Heute ist mir zwar nicht mehr schlecht, Fieber habe ich aber trotzdem noch, so vermute ich. Auf Raten der Mutter (Schwester? Tante? Tochter?) bin ich ein bisschen spazieren gegangen - d.h. zum Internet Café, was furchtbar anstrengend ist und weshalb ich gleich auch wieder nach Hause gehe, schlafen, vegetieren, heulen. Mal sehen.

9.1.09 18:46


Wie es ist, verlobt zu sein

Ihr werdet es kaum glauben aber bis heute habe ich noch nicht einen Tag hier gearbeitet und langsam nervt es mich wirklich.

Zur Entschaedigung durfte ich heute und  gestern wenigstens an einem Seminar mit dem Titel "Formation des journalistes à l'horizon de 2015", uebersetzt "Ausbildng von Journalisten im Jahre 2015" teilnehmen, das von der KAS nd vom Cesti, einer Journalistenschule, veranstaltet wurde.

Ausser, dass ich die Haelfte der Leute auf Grund ihres krassen Akzents nicht verstanden habe, war es recht interessant und mal wieder eroeffneten sich neue Perspektiven fuer eine Bachelorarbeit. Mein soziales Netzwerk konnte ich heute auch mal wieder ausbauen und so schloss ich Freundschaft mit der Direktorin der Schule und der Vorsitzenden der Journalistengewerkschaft. Zudem lernte ich den oesterreichischen Botschafter kennen und fragte mich, seit wann deutsche Bundeslaender Botschafter entsenden duerfen...

Nachdem der Arbeitstag allerdings schon um 14h beendet war und alle nach Hause fuhren, entschied ich mich, einfach mal allein in die "Stadt" zu fahren.

Ich nahm also ein Car Rapide - worin ich inzwischen fast Profi bin - und fuhr und fuhr und fuhr. An "Ampeln" versuchten mir Haendler alles moegliche anzudrehen, von halben Huehnern bis hin zu pinkglitzernden Schminktaeschchen: Ich setze mich nie wieder ans Fenster!!!

Nach geschaetzten 15 Stunden Fahrt und 2 Kilo eingeatmeten Kohlenstoffdioxid kam ich an einem RIESENGROSSEN Markt an, auf dem ich schon 5 Sekunden nach dem Aussteigen von Haendlern attackiert wurde. Einer lud mich in seinen Laden ein, in dem er tausend haessliche Ketten haengen hatte und pro Kette doch wirklich 10 Euro haben wollte. Hallo? Da kauf ich die doch 100 Mal lieber in good old Gemany und habe sogar schon den Transport bezahlt (wie ich den Zahle, frage ich mich jetzt schon).

Trotzdem gefieelen mir drei der Ketten recht gut und nachdem ich ihm erklaert hatte, dass ich mit allen meinen Freundinnen wieder kommen wuerde und mir seine Nummer fuer den Fall, dass ich ihn nicht mehr wiederfinden koennte, notiert hatte, konnte ich schliesslich drei Ketten fuer 4 Euro erwerben. Gewusst wie, auch im Senegal. Und als ob ich jetzt noch weiss, wo sein Stand war

Tatsaechlich schien ich aber ein Schnaeppchen gemacht zu haben. Bei einem anderen Haendler konnte ich den Preis partout nur auf 6 Euro runterhandeln.

Es ist wirklich verwunderlich zu sehen, was die Senegalesen denken, was wir Europaeer verdienen. Andererseits haben sie wahrscheinlich recht: hier schlaegt sich wahrscheinlich jeder um einen 1Euro Job (geschweige denn, dass es sowas wie Arbeitsbeschaffungsmassnahmen und Hartz4 noch nicht mal ansatzweise gibt).

So unergebig das Shoppen letztlich war, so ermuedender ist es gewesen, sich alle Leute vom Leib zu halten, die eine einsame Weisse umzingeln und "nur helfen wollen".

Am schwierigsten ist es auch, den Leuten zu erklaeren, dass man sich nicht verlaufen hat, sondern tatsaechlich hier WOHNT. Ob es in meinem Haus Reparaturen gaebe und ich deswegen bei Verwandten unterkommen muss, wurde ich schon gefragt. Haha.

Lustig war auch, als ich meiner tiefmuslimischen Gastfamilie gestern Bilder auf meinem Laptop gezeigt habe. Warum ich denn Geld fuer Reisen nach Paris ausgebe und wer denn der Junge auf dem Bild sei, wurde ich ganz missbilligend gefragt.

Tja, seitdem ist Johannes jetzt hier offiziell mein Verlobter, was allerdings sehr verwunderlich ist, da er seine huebsche Verlobte einfach ganz allein in ein fremdes Land schickt.

Nicht, dass ich allein auf diesen Gedanken gekommen sein koennte..

7.1.09 19:50


An der Mauretanischen Grenze

Gestern, als ich ganz unverhofft in Utes Wohnzimmer sass, klingelte ploetzlich das Telefon.

Ndella, die Tochter von der Freundin von Ute, die auch Weihnachten schon hier war und gerade einen Schueleraustausch mit Dakar macht, war am Apparat und fragte mich, ob ich nicht Lust haette, die Bande mit nach St. Louis zu begleiten.

Was fuer eine Frage, KLAR hatte ich das! Schliesslich ist St. Louis die ehemalige Hauptstadt zu Kolonialzeiten Westafrikas und nicht nur in meinem Reisefuehrer als unbedingt sehenswert angepriesen, sondern auch noch Weltkulturerbe, gelegen auf der Grenze zu Mauretanien.

Um 16h etwa ging es los in den Norden. Eingequetscht sassen Ndella, Valezka, ihre Freundin aus Deutschland, und ich auf der Rueckbank, mampften Mandarinen und freuten uns auf St. Louis, die angeblich so tolle Jugendherberge und den Vogelpark, den wir uns ansehen wollten.

"Mitten in der Nacht", das heisst gegen 19:30h und nach einer erneuten Polizeikontrolle, kamen wir schliesslich an und ich war zumindest von der Jugendherberge enttaeuscht: Wer auch immer sie uns empfohlen hatte, er wollte uns scheinbar verarschen - oder war zu Kolonialzeiten dort. Bis auf uns lungerten nur noch einige sehr uebelriechend aussehende Europaeer dort herum, dick, verschwitzt und lange fettige Haare.

Eigentlich sahen sie aus wie ich.

Nachdem wir uns mehr oder weniger haeuslich eingerichtet hatten, zogen wir los auf der Suche nach Essen. Tanja, Ndellas Mami, wollte Fataya essen. Was auch immer. Pummel-Alena entschied sich fuer Pommes, die nach etwa eineinhalb Stunden auf dem Tisch standen. Ganz schoen nervig.

Trotzdem konnte man bei unserelm Nachtspaziergang schon erahnen, mit was fuer einer schoenen Stadt wir es zu tun hatten: Sie besteht nur aus Haeusern im Kolonialstil, falls man das so nennt und leuchtet in allen Farben - und am Ende jeder Gasse das Meer.

Bei Tag sah das ganze dann leider weniger schoen aus und als kulturbegeisterte junge Dame von Welt war ich ENTSETZT ueber die Zustaende der einmal wunderschoenen Haeuser, die jetzt nur noch heruntergekommen und dreckig waren. Unglaublich und ich wurde richtig wuetend, dass man so etwas tolles und schoenes verkommen lassen konnte.

Der Weg zum Vogelpark schliesslich war zudem leider ein Sandweg, den wir mit einem gemieteten Auto zuruecklegten. Als wir ankamen , waren wir wie nach einem Ritt durch die Wueste mit Staub bedeckt und wollten eigentlich nur duschen.

Leider kann man ja nicht immer alles haben, sodass wir unsere Dusche verschoben und ersteinmal die Voegelchen beobachteten.

Der Vogelpark ist ein riesengrosses, nicht abgesperrtes Terrain mit grossen Seen an denen die Voegel sitzen, nisten und fischen, die wir leider nicht sehen konnte, da unsere Sicht von einem unvorstellbar grossen Schwarm Pelikanen verdeckt wurde.

Mann, sind die Viecher riesig und irgendwann hat man auch genug von ihnen, vor allem ich, wo ich doch gehofft hatte, Flamingos zu sehen. Aber Fehlanzeige: die doofen Pelikane hatten alle Flamingos zu einem weitentfernten See verscheucht, der leider nicht "im Programm enthalten ist", sagte unser Fuehrer. Bloedmann.

Wenigstens erahnen konnte man meine Flamingos aber, denn sie flogen in Schwaermen ueber unsere Koepfe hinweg. Von der Idee, einen Stein zu werfen, war keiner aeusserst angetan.

Dafuer gab es noch weitere Sehenswuerdigkeiten: Krokodile hatten sich aus Versehen am See angesiedelt und lauerten am Ufer auf uns. Meinen Vorschlag, jemanden zu pfern, um zu sehen, wie kraeftig so ein Krokokiefer sein mag, unterstuetzte leider wieder niemand.

Zurueck in St. Louis wollten wir eigentlich noch zum Strand, den wir leider nicht finden konnten. Zudem lockte mich ein anderes Angebot zurueck in Richtung Thies: auf dem Weg hatte ich Korbverkaeuferinnen entdeckt, die ich unbedingt um einiges an Geflecht erleichtern wollte.

Vor etwa zwei Stunden sind wir in Thiès angekommen, ich, mit fuenf oder sechs Koerben, einen fuer Schmuck, einen fuer Zwiebeln, einen fuer Stifte, einen fuer Suppe,... Ihr seht, mir ist jede Ausrede recht, um an meine Koerbe zu kommen.

4.1.09 23:22


Pays de la Téranga...


..., Land der Gastfreundschaft, wird Senegal auch genannt. Warum, habe ich gestern am eigenen Leib erfahren koennen.

Schon Silvester luden mich Rose und André, ein Bruder von Utes Mann, zu sich in ihr kleines Haeuschen ein, um den Tag mit ihnen und ihren schnuckeligen zwei Kindern Bartholomé und Ute zu verbringen und um das richtige senegalesische Leben kennenzulernen.

Gesagt, getan und los gings. 

Gegen 11:30h kam ich in der Behausung an. Ich nenne es so, da es keine Tueren oder Fenster hat und die Decke aus Wellblech besteht, ein Haeuschen, das man in Deutschland nicht mal angucken moechte, so zerbechlich und heruntergekommen wirkt es.

Trotzdem ist die ungewoehnlich kleine Familie weit weniger als arm: Sie haben einen - fuer senegalesische Verhaeltnisse - tollen Garten mit Mango- und Zitronenbaeumen, einen Kuehlschrank und einen Computer und sogar ein Hausmaedchen, das fuer ein Haus mit drei winzigen Zimmern relativ unsinnig ist und scheinbar nur Essen macht.

Nachdem sich klein Ute und Bart auf mich gestuerzt hatten und mir stolz ihr Haus und den Garten vorgefuehrt hatten, wurde ich von Rose ins Schlafzimmer gefuehrt, wo sie mir zuerst ein traditionelles senegalesisches Kleidungsstueck anzog - fuer das ich viel zu fett war! 

Sie rief also eine andere Tochter (Schwester? Tante? Cousine?), Roberta, die mir Kleidung von sich anbot, die auch nicht viel groesser ausfiel. Nicht nur, dass ich hier zu den fetten, laesterwuerdigen Menschen zaehle, ich sah schliesslich auch noch aus, wie eine blau-weisse Wurst, in meinem Tenue Sénégalais. Trotzdem, ich MUSSTE es anbehalten und als ich meinte, ich koennte mich leider nicht mehr bewegen, ging Roberta schnurstracks zum Schneider mit mir.

In der Zwischenzeit war es draussen so heiss geworden, dass man mir zurueck "zu Hause" anbot, doch ein Nickerchen im Ehebett machen zu koennen.

Als ich dankend ablehnte, pflueckte man mir stattdessen eine Frucht, die ich von nun an meine Lieblingsfrucht nenne und die ich versuche, nach Deutschland mitzunehmen, wenigstens eine: Caroussol ist eine Mischung aus Honigmelone, Mango und Birne und schmeckt einfach so goettlich, dass alles andere, was sich mir jeh zuvor auf die Zunge gelegt hat, einfach nur laecherlich dagegen wirkt. Sie ist so suess und saftig und fleischig, dass es mir noch jetzt danach duerstet unbeschreiblich, wie so vieles hier.

Nach diesem leckeren Imbiss gab es schliesslich noch eine Suppe, die extra fuer mich zubereitet worden war, ein Gemisch aus Hirse und Huhn. Leider habe ich seit kurzem immer oefter das Gefuehl, mich beim Essen uebergeben zu muessen, vor allem, seit ich auf dem Markt war. Man weiss nie, was man gerade isst, wer vorher schon darauf rumgeknabbert hat und wie alt das Essen ist. Natuerlich bilde ich mir den Grossteil davon auch ein, aber ich kann einfach nicht anders und staendig spuere ich ein Grummeln im Bauch.

Nach dem Essen war es fuer die Kinder jedenfalls Zeit, eine Dusche zu nehmen. Rose fragte mich, ob ich nicht auch duschen moechte, das erfrischt! 

Auch hier lehnte ich mal wieder ab und war noch mehr verwundert: Wann bekommt man in Deutschland schon mal eine Dusche angeboten und wer geht Freunde bzw. in meinem Fall mir KOMPLETT unbekannte Leute besuchen, um bei ihnen im Ehebett ein Mittagsschlaefchen halten zu koennen?Und wer schenkt einem fremden Besucher einfach so ein Kleidungsstueck, noch dazu ein sehr schoenes, und geht dann auch noch zum Schneider, um es passend naehen zu lassen?

Gegen 18h brachten mich Roberta, ihre Freundin Marie-Thérése und Bart wieder nach Hause. Im Gepaeck hatte ich Obst, die Haelfte des senegalesischen Anzugs (die andere ist noch beim Schneider), eine Kette, Ohrringe und einen Haarreif, dazu einen vollen Magen und viele neue Freunde  

3.1.09 16:33


Silvester ŕ la sénégalaise

Und, was gab es bei euch gestern leckeres zu Essen?

Tja, bei mir gabs Huehnermagen, eine leckere Spezialitaet, bei deren Zubereitung ich nur mit einem flauen Gefuehl im Magen zusehen konnte. Die kleinen Maegen sind bei der Schlachtung noch immer mit leckeren Koernern gefuellt und voll von Fett. Eine leckere Spezialitaet.

Am Vormittag konnte ich mir ausserdem ein Bild davon machen, wie die leckeren Innereien verkauft werden. Mit etwa 8 Euro ging ich auf den Markt, auf dem es so ungefaehr alles gibt, was man will und auch, was man nicht will. Zum Beispiel Huehnermaegen, ausgetrocknete Fischkoepfe und verfaulte Tomaten, aber auch Schmuck, Schuhe und Shampoo.

Wenn auch die Auswahl an vergammeltem Gemuese groesser war, als die Auswahl an Schmuck, liess ich es mir natuerlich nicht nehmen, mit meinen 8 Euro so richtig zu shoppen.

Zuerst stoeberten wir also in einem Stoffladen, der, wie Ute mir erklaerte, vor allem produits locals verkaufte, wobei wir beim ersten gravierenden Problem Senegals sind, denn selbst ein Laden, der sich dafuer ruehmt, vor allem lokal produzierte Waren zu verkaufen, ist voll gestopft von Importen aus China, Taiwan und Thailand, obwohl die senegalesischen Stoffe sehr viel schoener und bunter und angenehmer auf der Haut sind.

Auch in den Supermaerkten faellt dieses Phaenomen mehr als auf: In den Regalen stehen Prinzenrolle, Marseillaise-Seife und Evian-Wasser - alles importiete Ware. Senegal ist damit total abhaengig vom Import aller moeglichen Laender und stellt nichts selbst her ausser Erdnuesse, von denen man nun aber auch nicht endlos viele benoetigt und die an jeder Strassenecke kandiert oder gesalzen verkauft werden. Deswegen ist eines der Anliegen der KAS, ein Bewusstsein fuer das sogenannte Consommer Local zu schaffen, den Leuten zu erklaeren, warum sie einheimische Produkte kaufen sollen und keine importierte Ware. Leichter gesagt, als getan, vor allem, wenn die einheimischen Produkte teilweise von schlechterer Qualitaet oder teurer sind.

Mit meinem Stofffetzen gings dann weiter zum Gemuese, das hier einfach auf Decken ausgebreitet im Dreck herumliegt und nicht immer besonders appetitlich aussieht.  Auf den Decken sitzen dann kleine Kinder, die an den Bohnen lutschen, die spaeter verkauft werden, wobei man sich fragt, fuer wen das ganze ekliger ist: fuer das Kind oder den Kaeufer.

Wir kauften schliesslich Kartoffeln, Gurken, Petersilie, und und und zum Essen und shoppten schliesslich noch ueber die Schuhstrasse, wo es auch Schmuck zu kaufen gab, was ich mir natuerlich nicht zweimal sagen liess. Ich kaufte also drei Ketten und zwei Armbaender fuer nicht mal 1,50€, ein echter Witz.

Auf dem Weg nach Hause entdeckte ich schliesslich endlich auch einen "Stand" mit beurre de karité, in Deutschland auch bekannt als Shea Butter, die hier in Kilos zu Spottpreisen verkauft wird und mit der hier alles (!) gemacht wird: Afrikas Heilmittel fuer (fast) alles.

Ich kaufte also etwa 100g hundertprozentige Shea Butter fuer umgerechnet 20 Cent. Wer in Deutschland eine Ceme mit 50% Shea Butter zum Beispiel bei Body Shop kauft, bezahlt sich bloed!

Zu Hause angekommen (den Weg gingen wir nicht zu Fuss, sondern traten ihn in einer kleinen rostigen Kutsche mit halbtotem Pferd an) bereiteten wir das Abendessen vor. Ich kuemmerte mich um den Salat und musste fast schreien, als mir eine dicke gruene Raupe aus der Paprika entgegenschleimte.

Nur Ute freute sich ueber diesen unerwarteten Besuch und riss mir die Paprika aus der Hand, um das Wuermchen zu bewundern: Immerhin ein Beweis dafuer, dass die Paprika mehr oder weniger biologisch angebaut sei. 

Am Abend kamen dann sechs Gaeste, wovon zwei kleine Kinder waren, die einfach nur zum Knuddeln waren.

Der Abend verging mehr oder weniger schleppend, ich war totmuede, obwohl ich nachmitttags extra noch geschlafen hatte, frass mich so dahin und half um Mitternacht ein paar Raketen anzuzuenden.

Dass ich an Silvester wegen der Hitze kurze Hose und T-shirt anhatte, fiel mir gar nicht wirklich auf, obwohl ich feststelle, dass Silvester bei warmen Temperaturen um einiges angenehmer ist.

 

1.1.09 14:12


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