Summer Dreaming
Und dann kam Afrika


Mein Wecker am Donnerstag klingelte um 5h und als der Tag anfing, hatte er bereits gute Voraussetzungen, zum schrecklichsten meines Aufenthalts hier zu zählen: Ich wachte auf aber konnte meine Augen nicht öffnen. Zumindest das Linke nicht, denn offenbar war eine Mücke in der Nacht darauf gelandet, war einmal drumherum marschiert und hatte mich ganze vier Mal gestochen. Mein Auge war so geschwollen, dass ich unübertriebener Weise aussah, wie Quasimodo und ich schämte mich für mein Aussehen wie nie zuvor. 

Um Punkt 6h stand Yaliffa, unser Chauffeur vor der Tür. Wie ich bereits erwähnt hatte, ging es übers Wochenende nach Kedougou, die am östlichsten gelegene Region des Senegals, etwa 600km von Dakar. Ute hatte mir schon gesagt, dass die Straße in einem schlechten Zustand sei. Ich stellte mir also ein paar Schlaglöcher oder Kurven vor und machte mich auf eine anstrengende Fahrt gefasst.

Was dann jedoch kam, übertraf alles, was ich mir jeh unter einer schlechten Straße vorstellen konnte, denn immerhin denkt man dabei noch an eine Straße. Der Weg, der in unser verschlafenes Städtchen führen sollte jedoch, hatte mit diesem Begriff nur noch wenig zu tun.
Es war ein Alptraum. Wir fuhren und fuhren und fuhren und konnten nur warten und hoffen, dass die Straße bald besser wird. Anfangs dachte ich, ich könnte die Fahrt wenigstens für ein paar Überlegungen nutzen, ein bisschen über dies und jenes nachdenken, mir eine leckere Linsensuppe vorstellen, nichts besonderes. Nach drei Stunden fühlte sich mein Kopf an, als würde mein Gehirn darin hin und hergeworfen werden – genauso wie meine Gedanken, die sich nach der Zeit nur noch wiederholten, wie ein ewiger Ohrwurm, der nicht aufhören wollte und den ich mir am liebsten aus dem Kopf gerissen hätte. Mein geschwollenes Auge schien selbstständig bei jedem Ruckeln zu hüpfen und tat noch mehr weh, mein rechtes „gesundes“ Auge begann zu schielen – übrigens einer der schrecklichen Ohrwürmer in meinem Kopf: ‚un oeil dit zut! à l’autre’ , ein Auge beschimpft das andere, schielen auf französisch, ein Begriff, der bizarrer Weise in meinem Kopf herumwirbelte über Stunden, so wie der Windows Bildschirmschoner, bei dem die Zeitangabe über den Bildschirm saust und an jeder Kante wieder abprallt. 
Es war so schlimm, dass wir nach einigen Stunden halten mussten – wir mussten uns übergeben. Trotzdem – wir mussten weiter, der Weg zurück war inzwischen länger, als der Weg nach vorn, also weiter. Es war wie Achterbahnfahren – nur, dass es nicht aufhörte.
Die ganze Fahrt über dachte ich wirklich, ich würde verrückt werden, mir war wie 40 Grad Fieber und mir war alles, aber auch alles egal. Ein platter Reifen? Umso besser, dann stehen wir wenigstens endlich. Nur kein Unfall, denn der Krankenwagen, wenn es denn überhaupt einen gab, müsste dieselbe Straße nehmen und das überlebt kein Verletzter. Ein Bett, nur ein Bett wollte ich, ganz egal wo und mit welchen Läusen, Flöhen und Krankheiten, ganz egal, hauptsache liegen, nichts mehr bewegen, vielleicht auch sterben. Hauptsache Schluss.
Irgendwann, nach 450km und 10 Stunden Autofahrt, wurde die Straße besser. Wir fuhren durch Tambacounda - und dann kam Afrika, so schön, so plötzlich, dass ich die Paviane, die in einiger Entfernung auf der Straße saßen, zunächst für Hunde oder Ziegen hielt und den dichten, grünen Wald um mich herum kaum bemerkte: Wir fuhren durch Nationalpark Niokolo-Koba, Weltkulturerbe der UNESCO, Natur pur und ein Afrika, so wie man es sich vorstellen möchte - die Paviane waren nur die ersten Vorboten. Wir fuhren an Dörfern aus runden Lehmhütten mit Strohdächern vorbei, überquerten den mit Nilpferden bevölkerten Gambia-Fluss und bremsten scharf, als plötzlich ein Schakal die gut geteerte Straße überquerte. Schakal von rechts nach links – Glück bringts. Warzenschweine, Schimpansen, Perlhühner, Geier und Papageien, wie im Traum, aber als wäre alles ganz normal.
Und es ging weiter, in Kedougou-Stadt, von der Straße ab in den dunklen Busch, wo nichts mehr zu sehen war, außer die Scheinwerfer unseres Jeeps. Die letzten 20km raubten uns noch mal die letzten Kräfte: zwei Stunden brauchten wir, bis wir in unserem „Camp“ angekommen waren, ein kleines Dorf aus Lehmhütten – genauso, wie ich sie schon auf der Fahrt durch den Nationalpark bewundert hatte. Von außen spartanisch, waren zumindest unsere Hütten von innen recht luxuriös, mit einem richtigen Bett und Moskitonetz, was mein „gesundes“ Auge ganz besonders zu schätzen wusste. Nur eine Dusche gab es nicht – man brachte uns diesig-graues Brunnenwasser, von dem man eher schmutzig, als sauber wurde. Die wunderschöne Landschaft um mich herum entdeckte ich erst am Morgen darauf: das Dorf lag in einem Tal von riesigen Felsen, nicht weit von einem Wasserfall und inmitten von Palmen, Büschen, Bäumen. 
Die zwei Tage im Dorf Dindefelo verbrachten wir schließlich mit den Frauen, die am Seminar „Frauen an die Urnen“ teilnahmen, Senegalesinnen, die so schaurige Geschichte erzählten, dass ich fast einer Feministenbewegung beigetreten wäre. Es ist unglaublich, wie die Frauen hier scheinbar behandelt werden, sie können nicht lesen, nicht schreiben, werden geschlagen und putzen, kochen und machen für eine riesen Großfamilie – ohne Dank. Das Seminar – wahrscheinlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, auch wenn viele während der Diskussion sichtbar selbstbewusster wurden und jede der Frauen soweit teilnahm wie sie konnte – wenn sie nicht gerade eines der Kinder stillen musste, das sie mitgebracht hat. Trotzdem: Welche der Frauen ist nach dem Wochenende wohl nach Hause gegangen, um ihrem Mann mal so richtig die Meinung zu sagen? 
Am Samstag Nachmittag hieß es schließlich Abschied nehmen, zurück, durch den Wald und über den schrecklichen Waldweg, auf dem uns um die Uhrzeit immer mehr Lastwagen und sogar Car Rapides entgegen kamen. Die armen Menschen, die dadrin saßen!
Unsere letzte Nacht in Kedougou-Stadt verbrachten wir in einem wunderschönen Hotel am Gambia-Fluss. Wieder waren wir in Hütten untergebracht – diese aber wirklich luxuriös und für Touristen ausgestattet. Am nächsten Morgen ging es erst um 7:30h los, weg aus dem schönen Afrika und mit einem Schlag wieder in die Realität.
In Tambacounda hielten wir vor dem Gefängnis – Ute hatte ihre Kontakte spielen lassen, um einen inhaftierten Studenten, den sie über die Stiftung kannte, zu besuchen – ein politischer Gefangener. Vor einigen Wochen wurde er zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt – er soll eine Demonstration angezettelt haben, bei der unter anderem das Polizeigebäude von Tambacounda gestürmt wurde. Man ertappte ihn „frischer Tat“ zu Hause, beim Abendessen. Am Tag der Demo war er nicht mal in der Stadt gewesen, mit dem Ausarten der Demo hatte er schon gar nichts zu tun. Die Studenten hatten ein „Sit-in“ geplant, um gegen die Studiengebühren zu demonstrieren – außer Kontrolle geriet die Situation erst, als andere aus der Stadt davon erfuhren und mit Schlagstöcken und Molotowcocktails kamen und die Studenten „tatkräftig“ unterstützten. 
Die Regierung hat nun „hart eingegriffen“ und die angeblichen ideologischen Führer eingebuchtet. In dem Gefängnis sitzen mehr als 400 Gefangene – sie teilen sich zwei Toiletten und schlafen auf dem Steinboden Schulter an Schulter. 
Scheinbar ist das Afrika – ein Wechseln von Traum in Alptraum innerhalb weniger Minuten, buntes und schwarzes Afrika.



19.1.09 17:32
 


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