Summer Dreaming
Straßenverkäufer


Seit einigen Tagen fällt mir immer wieder auf, dass meine contraeuphorische Stimmung was den Müll, den Dreck, die Armut, die Korruption und alles andere ändernswerte betrifft, mehr und mehr abflaut.
Nach nur fünf Wochen habe ich mich an die kleinen Kakerlaken, die über abends vor dem Essen über meine Gabel laufen, an die tote Ratte, die seit zehn Tagen vor unserer Haustür liegt und die Flöhe der Wachhunde der Stiftung gewöhnt, die Bettelkinder gehören zum Stadtbild wie der chaotische Verkehr, durch den man heil zum Ziel kommt, wenn man zwischendurch ein paar Euro „Weggeld“ an Polizisten und Gendarmen zahlt.
Nur eine Kleinigkeit schockiert mich wirklich jeden Tag wieder:
Das, was ich zur Zeit als den wohl gefährlichsten, demütigensten und sinnlosesten Job bezeichnen würde, sind die fliegenden Verkäufer auf den Straßen in der Innenstadt und am Stadtausgang.
Das Ganze Prozedere läuft ein bisschen ab wie beim McDrive: Man hält, schaut, was es gibt (meist sind es Bananen, Mandarinen oder gezuckerte Erdnüsse), sucht sich was aus, gibt das Geld, erhält sein Essen und fährt weiter. Bananenverkäufer machen wahrscheinlich vor allem im Stau gutes Geld, denn da bekommt man schnell mal Hunger - oder auch Durst auf „crème“, gefrorenen selbstgepressten Saft vom Baobabbaum oder mit Kokosmilch und Rosinen, ist zumindest für mich eine gerngesehene Erfrischung, die mein Magen inzwischen auch verträgt.
Dies sind die „nützlichen“ Dinge, die man auf der Straße kaufen kann. Man kann sich kaum vorstellen, was noch für Dinge im Angebot stehen, Sachen, die man nicht mal im Traum auf dem Weg zur Arbeit oder sonst wohin kaufen würde.
Vor einer Woche, als ich im Taxi saß, wollte mir ein Mann tatsächlich eine etwa einsfünfzig mal zwei Meter große Standuhr andrehen. Gestern sah ich einen, der einen Kühlschrank auf seinem Fahrrad herumfuhr und ein großes „A VENDRE“ Schild auf seinem T-shirt kleben hatte. Bleibt die Frage, ob er sein Fahrrad, seinen Kühlschrank oder sich selbst zum Verkauf angeboten hat…
Wer Zivilisationsscheu ist, muss sich also nur in sein Auto setzen und bekommt alles, aber auch ALLES, vors Fenster getragen, vom Autositzbezug über Fahrradhelme bis hin zu Rotweingläsern und toten, an den Füßen zusammengebundenen Hühnern – von Abgasen geräuchert. Bon appetit, sage ich da nur.
Jedes Mal, wenn ich vorbeifahre, denke ich mir, dass diese Leute doch wirklich arm dran sind: Wie viele Stunden muss so ein Kleenex-Verkäufer wohl am Straßenrand warten, bis mal jemand was kauft von seinen halbverrußten Taschentüchern?
Und leider muss man die armen Gestalten komplett ignorieren, selbst wenn sie ihre Nase ans Autofenster kleben: Einmal hingeschaut ist halb gekauft und in manchen Fällen laufen die Verkäufer dem Auto über hunderte Meter mit all ihren Klamotten hinter her (ja, auch wenn es ein Kühlschrank ist), um dann festzustellen, dass sie wieder nichts loswerden.
Umso gruseliger, dass ich es mir gerade mit meinem Laptop und einem Tee unter den Magobäumen im Garten gemütlich gemacht habe und lediglich über einen Frosch im Hals klagen kann – der mit großer Wahrscheinlichkeit von den Abgasen genährt wird. Ich will nicht die Lunge der armen Straßenverkäufer sehen. 

29.1.09 16:53
 


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