Summer Dreaming
Juste pour faire chier

Freitag abend ging es los, mit dem Schiff, in die Casamance, das angebliche Rebellengebiet. Mein Chef hatte mir netter Weise keine Kabine mit gemütlicher Koje, sondern einen Schlafsessel reserviert: damit ich nicht mit sieben oder acht Fremden zusammen schlafen müsse. Stattdessen schlief ich nun also gar nicht und verbrachte die Nacht mit etwa 40 Fremden in einem kleinen, engen Schlafsaal, rechts und links neben mir die Sitze belegt mit der Unmöglichkeit, sich irgendwie gemütlich auszustrecken.

Als einzige Weiße im ganzen Saal – die anderen an Board hatten selbstverständlich eine Kabine – wurde ich ziemlich schnell Mittelpunkt des Gesprächs, vor allem, als mein Sitznachbar seine Missionarsarbeit begann und versuchte, mich zum Islam zu bekehren.

Fast drei Stunden erklärte er mir die Vorzüge dieser wunderbar gewaltfreien und toleranten Religion. Warum ein Mann vier Frauen heiraten dürfe? Besser, er hat vier offizielle Frauen, als nur eine und daneben noch drei Geliebte. Warum der Mann denn nicht einfach einer Frau treu bleiben könne. Weil Gott das nun einmal so will. Dass ja jeder ankommen und einen Koran schreiben könnte und dass Mohammed ja auch einfach ein Verrückter sein könnte – er hätte ja schließlich keine Wunder o.ä. vollbracht, wie Jesus. Doch, Mohammed hat auch Wunder vollbracht – er hat schließlich den Koran geschrieben.

Argumente, die sich immer wieder im Kreis und um sich selbst drehen, nicht sehr überzeugend, aber mir verspricht der Koran ja auch keine vier Frauen. 

Nach etwa zehn Stunden Fahrt auf dem großen Teich bogen wir endlich in den Casamance Fluss ab und schon hatte sich die Quälerei gelohnt.

An Deck war ich die erste, die an der Reling stand und aufgeregt meinen Fotoapparat rauskramte: Delfine, so viele, schwammen, sprangen, quietschten im Flussdelta fröhlich umher und begleiteten munter unser Schiffchen bis in den Fluss hinein und bis sie schließlich abgelöst wurden, von Pelikanen und dem ein oder anderen über uns hinweg ziehenden Flamingo.

Auch die Landschaft war plötzlich eine ganz andere: riesen große Palmen, grüne endlose Flächen bis zum Horizont, Sandstrände und hier und da mal ein paar Hütten. Wieder ein neues, schönes Afrika, das ich in dieser Form bisher nur vermissen konnte.

Nach fünfzehn Stunden stiegen wir schließlich in Ziguinchor – der größten Stadt der Casamance - von Board und ratzfatz ins Auto – zu einem Seminar mit Koranschullehrern waren wir schon viel zu spät dran und wir hatten noch etwa 100km vor uns, die uns über von Militär bewachten Straßen durch dichte Palmenwälder führten – tatsächlich, ganze Wälder nur aus riesen großen Palmen.

Rebellen trafen wir natürlich keine, die Soldaten, die schwer bewaffnet an den ratzekahl geschorenen Wegrändern postierten wären mir als Rebell auch zu gruselig gewesen. Nach etwa zwei Stunden kamen wir in Sédhiou, der Hauptstadt der gleichnamigen Region, an und betraten mal wieder das Paradies.

Unser Hotel bestand aus kleinen Hütten in einem der Palmenwälder und lag direkt am Fluß. So viel Ruhe kann man sich im Traum nicht vorstellen, auch wenn diese am frühen Morgen durch ein Scharren vor meiner Tür gestört wurde. Mutig und leichtfüßig, wie man mich kennt, bin ich, mal wieder ziemlich genervt, aus dem Bett gehopst und öffnete einen Spalt breit mein Fenster, um zu sehen, wer denn die Dreistigkeit besitzt, morgens um 7h vor meiner Haustür zu kehren.

Leider konnte ich niemanden zur Schnecke machen denn: es waren zwei Geier, die vor meiner Tür auf und abliefen. Wo hat man so was schon gesehen?

Unser Seminar schließlich war… interessant und komplex, viel zu komplex, um hier in Kürze darüber zu berichten- auch wenn es einen Bericht wert wäre. 

Am Sonntag Nachmittag machten wir uns schon wieder auf ins nahegelegene Kolda, Hauptstadt der gleichnamigen Region, wo uns das Hotel wieder wie ein Paradies vorkam – und mir die Armut dadurch noch unerträglicher.

Betrat man das Hotelgelände, hatte man einen Pool und eine Bar, in dem Moment, in dem wir auch nur die Grundstücksgrenze überquerten, waren wir zurück in der Realität: die Stadt noch heruntergekommener, als Dakar und alles sonstige, der Fluss mit Müll verstopft, Kinder ohne Schuhe und mit vor rotztriefender Nase, bettelnde Krüppel, stinkende Abfall-Feuer und Abwasser, das knöcheltief die Straße überflutet – Dinge, die man einfach nicht sehen will und die einen nur wütend machen, wütend, auf das ganze Land, das nur zusieht, wie die Leute dahinsiechen in ihrem eigenen Abwasser – jeder scheint nur auf die Toubabs – die Weißen – zu warten, deren Aufgabe es schließlich ist, für all diese Probleme Lösungen zu finden. Warum selbst aktiv werden, wenn’s andere sind? Und solange leben wir eben in unserem eigenen Dreck.

Das Seminar in Kolda war schließlich nicht halb so interessant, wie das in Sédhiou, wohl aber sinnvoller. Thema war Wählersensibilisierung – und mein Chef aß zum ersten Mal ganz senegalesisch von einem großen Tablett. Und: Am Ende des Seminars wie immer das noch Warten der Teilnehmer auf den Fahrtkostenzuschuss oder den Teilnehmerbeitrag oder sonst irgendeine Geldspritze – schließlich mussten sie ja alle aktiv werden, um an diesem Seminar teilzunehmen, harte Arbeit, sich an einen Tisch zu setzen und einfach mal ein oder zwei Stunden zuzuhören und zu diskutieren – nichts, was sie sonst nicht auch tun würden, von morgens bis abends, rumsitzen und diskutieren, aber bloß nicht aufstehen und was unternehmen.

Die Mentalität spiegelt sich im Zustand des Landes wieder.

Trotzdem, auch dieses Seminar ging zu Ende und wir brachen auf, zurück nach Ziguinchor, Hauptstadt der gleichnamigen Region, ins nächste kleine Hotelparadies. Doch auch die Stadt war irgendwie anders, als die Städte, die ich hier sonst gesehen habe – es war grüner, die Leute waren freundlicher, es gab weniger Bettler, weniger Verkehr und Abgase, alles ruhiger und noch langsamer, als sonst, aber angenehm langsam. Urlaub pur. 

Die letzten Tage dümpelten also so dahin mit verschiedenen Gesprächen, Treffen, Unterhaltungen mit wichtigen und weniger wichtigen Leuten und schon saß ich wieder in meinem Schlafsessel auf dem Schiff, aurevoir Paradies, bonjour tristesse, oder auch Seekrankheit pur. Der Rückweg war unglaublich abenteurlich und schaukelte mich so durch wie noch nie. Nach zwei Stunden auf dem Meer konnte ich nur noch auf einer Bank an Deck liegen und auf den Tod warten.

Nach einiger Zeit kam tatsächlich jemand – ein Security-Mensch erklärte mir, ich könne dort nicht schlafen. Warum nicht? Weil es nicht geht. Ich also rein, schon tränenüberflutet und gerade so schaffte ich es noch, mich in eine kleine Ecke zu kauern – aus der ich nach 20 Minuten wieder vertrieben wurde. Ich könnte da nicht liegen Warum nicht? Weil es nicht geht. Ich sollte mich aber in die boardeigene „Moschee“ legen.

Ich also wankend und heulend dorthin – ich war nicht die erste, die im Gotteshaus Zuflucht suchte. Auch von hier wurden wir schließlich wieder vertrieben. Wir könnten da nicht rumlungern. Warum nicht? Weil es nicht geht.

Ein Klugscheißer von Franzose, der auf dem Weg zu seiner kuscheligen Kabine vorbeikam erklärte mir, ich sei in de rMoschee gelandet, hier würden die Leute beten, hier könnte ich nicht liegen. Ich hätte ihn am liebsten geschlagen, genauso wie den Security-Menschen. Die vermeintlichen Autoritäten gibt es hier scheinbar nur, um andere zu schikanieren.


6.2.09 20:31
 


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